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24. Juni 2020

Causa Wirecard: Was ist noch zu retten?

 

In München-Aschheim kehrt man nun die Scherben zusammen. Markus Braun ist inzwischen als Vorstandsvorsitzender zurückgetreten. Auch als Großaktionär der Wirecard ist der ehemals starke Mann im Unternehmen mittlerweile Geschichte. Er musste sein Aktienpaket (rund 7 % des Gesamtkapitals) inzwischen weitgehend veräußern, da es als Sicherheit für einen Privatkredit hinterlegt war. Zuvor wurde schon dem Vorstand Jan Marsalek außerordentlich gekündigt.

An Bord sind nun noch der neue Vorstandschef James H. Freis, Susanne Steidl als Produktvorstand und Alexander von Knoop als oberster Finanzer des Konzerns. Viel Zukunft ist auch diesen Managern nicht beschieden, da sie allesamt dem System Wirecard zuzurechnen sind. Immerhin ist das Trio sehr um Transparenz und Aufklärung bemüht. So versorgt man die interessierte Anlegerschaft derzeit reichlich mit Ad-Hoc-Pflichtmitteilungen. Man macht also nun reinen Tisch in der Wirecard-Zentrale.

Lassen Sie mich einmal in meine Glaskugel blicken! Was kommt nach dem Großreinemachen? Was sind die Optionen für das angeschlagene Unternehmen?

Option 1: Wirecard wird übernommen

Es ist bekannt, dass die Branche unter großem Konsolidierungsdruck steht. In diesem Geschäft zählt mittlerweile nur noch die schiere Größe. So schluckte im vergangenen Jahr der US-Zahlungsdienstleister Fidelity National Information (FIS) den Konkurrenten Worldpay. Satte 43 Milliarden US-Dollar wurden damals direkt und indirekt (Schuldenübernahme) bewegt. Das befeuert nun auch Übernahmephantasien um Wirecard, zumal das Unternehmen nach dem Kursdebakel im globalen Maßstab nur noch ein ganz kleiner Fisch ist.

Diese Option ist gleichwohl unrealistisch. Schließlich würde das übernehmende Unternehmen als Rechtsnachfolger die Bilanzprobleme und vor allem die nun anstehenden Rechtsstreitigkeiten erben. Vor diesem Hintergrund wäre selbst eine Übernahme zu einem symbolischen Preis risikoreich.

Ist die Kundenbasis werthaltig? Derzeit verfügt Wirecard nach eigenen Angaben über 313.000 Kunden, vorwiegend aus den Branchen Einzelhandel, Touristik und Telekom. Dass ist ein Wort. Dafür dürfte sich die Konkurrenz um Adyen, FIS oder Square sehr interessieren.

Das Problem: Derzeit setzen sich einige dieser Kunden bereits von Wirecard ab bzw. nutzen die Plattform nicht mehr. So gab der asiatische Fahrdienstleister Grab in dieser Woche bekannt, dass man die geplante Kooperation mit Wirecard nun doch nicht eingehen wird und keine Anbindung an die Wirecard-Plattform wünscht. Offenbar sucht auch das französische Unternehmen Orange derzeit einen neuen Zahlungsdienstleister. Und Orange ist nicht irgendein Einzelhändler von der Ecke, sondern einer der Wirecard-Kernkunden. Hinter Orange „verbirgt“ sich der Ex-Monopolist France Télécom. Ich gehe davon aus, dass sich in den nächsten Wochen die Kunden in Scharen von dem deutschen Zahlungsdienstleister abwenden werden. Ungünstig wirkt zudem, dass in der Branche mittlerweile die Verträge kaum noch echte Kündigungsfristen enthalten.

Zu Deutsch: Viele Kunden können die Zusammenarbeit mit Wirecard kurzfristig beenden. Die Konkurrenz muss also die Kundenkartei der Wirecard nicht kaufen. Diese Kunden kommen in dieser Situation freiwillig und völlig kostenlos. Generell gilt: Zahlungsdienstleistungen sind eine ziemlich kalte und technische Angelegenheit. So ist die Kundenbindung in dieser Branche üblicherweise nur gering ausgeprägt.

Fazit: Die Übernahme ist aus rechtlichen Gründen sowie aus betriebswirtschaftlichen Erwägungen unrealistisch. Der zentrale Wert eines Finanzdienstleisters ist immer das Vertrauen seiner Kunden. Und dieses Vertrauen hat Wirecard zuletzt sehr weitgehend verspielt. Aus Sicht eines potenziellen Übernehmers ist deshalb das Münchener Unternehmen nicht attraktiv.

Option 2: Die Konkurrenz holt sich die Rosinen und zerschlägt Wirecard

Das Unternehmen ist aufgrund der eingangs beschriebenen Probleme als Ganzes nicht attraktiv. Zerlegt man es allerdings in seine Einzelteile, sehe ich durchaus werthaltige Vermögenswerte. So dürften sich einige Konkurrenten etwa für die Abwicklungs-Technologie oder den ein oder anderen Mitarbeiter aus dem Unternehmen interessieren. Nach diesen Rosinen wird die Konkurrenz nun gezielt suchen. Am Ende der Rosinenpickerei dürfte dann die Zerschlagung des Zahlungsdienstleisters stehen.

Dabei werden die Aktionäre des Unternehmens leer ausgehen. Die Anleihen-Investoren, die vorrangig abgesichert sind, werden bei diesem Szenario zumindest einen Teil ihres eingesetzten Kapitals erlösen. Hier preist der Markt momentan eine Quote von knapp 20 % ein.

Option 3: Neustart als Dienstleister ohne Banklizenz

Option 3: Neustart als Software-Anbieter. In diesem Szenario gibt das Unternehmen die Banklizenz für den EU-Raum zurück bzw. veräußert die Banktochter. Weiterhin wird man die Partnerschaft mit Mastercard, Visa und der japanischen JCB beenden. Damit würde sich Wirecard komplett aus dem Geschäft mit Finanzdienstleistungen zurückziehen. Genau hier ist bekanntlich das Bilanzproblem entstanden.

Schließlich würde sich das Unternehmen umbenennen und als Software- und Technologie-Dienstleister fortbestehen. Ein solcher Bruch mit der Vergangenheit bietet dem Unternehmen durchaus Chancen. Schließlich kennt man die Branche und könnte seine Dienstleistungen sehr breit Unternehmen wie Visa, Mastercard, den diversen Geschäftsbanken und auch den Zahlungsdienstleistern wie Adyen, Square oder FIS anbieten.

Hier sind in der Tat einige intelligente Lösungen denkbar. So könnte Wirecard nach Absprache mit allen Beteiligten die Kunden gezielt zu einem Konkurrenten „herüberschieben“ und im Gegenzug dafür werben, dass die Kunden weiterhin die gewohnte Software-Oberfläche der Wirecard nutzen können. In den kommenden Wochen sind nun bei Wirecard innovative und überzeugungsstarke Unternehmertypen gefragt. Hier gilt: So eine Fundamentalkrise kann man durchaus für ein großes Comeback nutzen.

Fazit: In diesem Szenario bliebe Wirecard, wenn auch unter anderem Namen, dem deutschen Standort und auch dem deutschen Kurszettel als Unternehmen erhalten. Ferner bietet dieses Szenario die Möglichkeit zumindest einige Vermögenswerte – wie z. B. die Technologie – zu retten und langfristig zu sichern.

Meine Empfehlung: Aktie sofort verkaufen, aber im Blick behalten

Unterstellen wir abschließend, dass die Option 3 tatsächlich greift. Wäre es in diesem Fall gerechtfertigt an der Aktie festzuhalten, sofern Sie bislang noch nicht verkauft haben?

Nein! In München-Aschheim rückt in diesen Stunden die Staatsanwaltschaft ein. Dazu gesellen sich die Bilanz-Forensiker der Finanzaufsicht BaFin. Die anstehenden Untersuchungen und Ermittlungen werden auf Unternehmensebene Kräfte binden und Wirecard quasi lähmen. Anders formuliert: Dort wird noch nicht gleich morgen die Zukunft beginnen. Unklar ist zudem, ob das Konsortium der Gläubigerbanken weiterhin stillhalten wird. Bislang hat man die Kreditlinie im Volumen von 1,75 Milliarden Euro noch nicht fällig gestellt. Grundsätzlich sind die Banken zu einer solchen Maßnahme allerdings jederzeit berechtigt, da das Unternehmen die ursprünglichen Kreditbedingungen nicht mehr erfüllt.

Deshalb rate ich Ihnen zum sofortigen Verkauf der Aktie.

Gleichwohl werde ich die weitere Entwicklung genau beobachten. Ich wiederhole mich: Ich sehe hier durchaus Potenzial, dass sich das Unternehmen erfolgreich neu aufstellen wird. Ich halte Sie in jedem Fall in der Causa Wirecard auf dem Laufenden.

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